Marine-Regatta-Verein Stützpunkt Bielefeld e.V.




Ein wenig Bedenken hatte ich ja schon. Bereits Ende März wurde der Windfinder täglich nach den neuesten Aussichten für Lemmer befragt und täglich zeigte er mehr Wetter an.

Mehr Wind, mehr Regen und mehr Kälte.

 

Eigentlich konnten die Bedingungen für ein ordentliches Skippertraining unter realistischen Bedingungen nicht besser sein. Eigentlich. Eigentlich fühlten wir uns auch in der Lage, uns Regen und Kälte einfach vorzustellen und das Ganze bei Sonnenschein und 20 Grad zu machen.

Aber was soll's. Ändern konnten wir es nicht und los ging's. Am Freitag kurz vor dem Start erreichte uns dann die Meldung von Andreas, dass er sich eine Magen-Darm-Infektion eingefangen hat und sich nicht weiter als 10 Meter von der Toilette entfernen wollte. Schade, schade, aber nicht zu ändern. Besser so und gleich zu Hause bleiben als auf dem Schiff in „anderen Umständen“.

Der erste Ausfall. Sollte das ein böses Omen sein? Irgendwie war da auch bei mir so ein eigenartiges Gefühl in der Magengegend. Aber jetzt gab es kein zurück mehr. Auf nach Holland!

Ich war natürlich auch gespannt auf das Land der Tulpen, des Käses und der Wohnwagen. Waren hier wirklich die Kühe schöner als ... ? Gab es fliegende Holländer? Wo wohnen die Schlümpfe? Was macht Rudi Carell? Fragen über Fragen, auf die wir keine Antworten suchten. Wir wollten ja ein Skippertraining machen.

Die Anfahrt verlief problemlos und wir erreichten pünktlich „Enjoy Sailing“ in Lemmer. Wir wurden sehr freundlich begrüßt. Die Dame hinter dem Tresen war weder groß noch blond und steckte auch nicht in Holzschuhen, konnte dafür aber gut Deutsch und erklärte uns alles Wissenswerte. Sie teilte uns aber auch gleich mit, dass wir leider noch nicht aufs Boot könnten, weil „die Jungs“ die Reinigungsarbeiten noch nicht ganz fertig hätten.

SlotenNun gut. Wir brachten also erst mal die Damen (Birgit und Petra) in das gebuchte Hotel nach Sloten, einem kleinen Ort ein paar Kilometer entfernt.
Sloten entpuppte sich als, mit 350 Einwohnern, kleinste Stadt Hollands. Niedliche Häuschen kuschelten sich hier aneinander und winzige Gässchen führten uns schließlich zu einem urigen Haus direkt neben der Dorf Stadtkirche.Hotel Stedswal

Eine sehr nette Wirtin führte uns sofort in die „Gute Stube“ und bot uns einen Kaffee an. Auch die Zimmer passten zu dem gesamten Umfeld: Klein, niedlich, kuschelig. Einfach toll.

Zurück in Lemmer bestiegen wir nun unser Boot und waren leicht erschrocken: Wassereinbruch! Im Boot war alles nass. Sitzpolster, Tisch, Boden und von der Decke tropfte noch Wasser. Immerhin kam es nicht von unten und Wassersport ist nasser Sport. Sollte aber trotzdem in der Kabine nicht sein. Auf unsere Nachfrage kam dann auch sofort ein freundlicher Experte mit Panzerband, dichtete Fenster und Masteinführung damit ab, erklärte man würde sich morgen darum kümmern und uns evtl. ein anderes Boot anbieten und wünschte noch eine gute Nacht. Offenbar war das Wasser vom Putzen an den Stellen eingedrungen und kam nicht aus der Nordsee.

So weit beruhigt räumten wir das Nötigste ein und ließen uns dann im Restaurant, das direkt über den Geschäftsräumen von Enjoy-Sailing liegt mit Fisch und Fleisch verwöhnen.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen wurde es dann ernst. Schon aus dem Restaurant sahen wir, wie der Skipper unser Boot enterte und beeilten uns, hinterher zu kommen. Zunächst wurde mit allen Mitteln (zwei Techniker, Panzerband und Akkuschrauber) versucht, die undichten Stellen zu beseitigen, dann bekamen wir noch neue und vor allem trockene Sitzpolster und schließlich lernten wir Bert, unseren Trainer näher kennen.
Bert sprach ausgezeichnet Deutsch und mit seiner ruhigen und gelassenen Art war er uns gleich sehr sympathisch. Wir stellten uns vor und sprachen über unsere Segelerfahrung und über das, was wir uns von diesem Wochenende versprachen.

Aktion "Muringboje"Dann ging es auch schon los. Wir lernten Lemmers Kanäle und Wasserstraßen kennen, übten unter Motor die verschiedensten Manöver in enger Umgebung, Vorwärts, rückwärts, drehen auf engstem Raum und Anlegemanöver bis zum Abwinken. Wir hatten einen Riesenspaß bei dem Versuch, bei fünf Windstärken eine Muringboje einzufangen. Die See war allerdings zu aufgewühlt, sodass wir nach einer gefühlten Stunde, weder vorwärts noch rückwärts oder mit heruntergelassener Badplattform Erfolg hatten. Selbst als Bert das Ruder übernahm, bekamen wir sie nur kurz zu fassen, konnten aber nicht daran festmachen. Immerhin bekamen wir so ein gutes Gefühl für das Boot und die Seebeine waren wieder da. Bert blieb dabei immer ruhig und fand alles „nett“. Er bemerkte schnell, dass wir keine blutigen Anfänger mehr waren und traute uns immer mehr zu.

auch Bert hat SpaßIn der Mittagspause erzählte er uns dann Geschichten von den sieben Weltmeeren, von Unwettern und Stories von ihm und seinen Kindern, die segeln konnten bevor sie richtig laufen konnten. Zum Beispiel dass sein Sohn schon im Alter von 11 Jahren Anlegemanöver mit großen Schiffen, unter Segel mit ausgefallenem Motor als Aufschießer in kleinste Hafenboxen gefahren hat. Es war sehr interessant und wer weiß ... vielleicht gab es den fliegenden Holländer doch und war einer der Urahnen von Bert.

Es hat uns jedenfalls sehr viel Spaß gemacht und schon der erste Tag war ausgesprochen lehrreich.

Abends gesellte sich Bert zum Abendessen zu uns und so konnten auch Birgit und Petra an seinen Geschichten teilhaben. Ein sehr schöner Tag endete dann zünftig mit einem Genever.

Morgenstimmung in LemmerAm Sonntag früh-stückten wir auch gemeinsam und nachdem wir noch ein paar Anlegemanöver geübt und das Gelernte vertieft hatten, ging es hinaus aufs IJsselmeer. (Das IJ ist übrigens kein Schreibfehler, sondern ein holländischer Buchstabe, der „ei“ ausgesprochen wird)

SchleusenmanöverZunächst fuhren wir mit einigen anderen Booten in eine Schleuse und machten dort elegant, nach gelernter Art, fest. (Kommentar von Bert: „nett“) Dann wurde über die anderen Bootsbesatzungen gelästert, deren Anlegemanöver natürlich längst nicht unsere Perfektion erreichten.

WetterAls sich die Schleuse dann wieder öffnete, lag das IJsselmeer dann vor uns und wir konnten endlich mal wieder die Segel setzen und uns Seewind um die Nase wehen lassen. Irgendwer hatte vorher gemeint, dass am IJsselmeer immer nur Flaute sei und Segeln total langweilig ist. Wir können das jetzt nicht ganz bestätigen. Bei Windstärke sechs, mehr als 45 Grad Krängung und Schneegestöber kam uns Langeweile jedenfalls nicht in den Sinn. Diese Wetterkapriole war zum Glück nur von kurzer Dauer und schon bald zeigte sind das Meer von seiner schönen Seite. Wir segelten etwas hin und her und fuhren dann zum Abschluss noch von einer anderen Seite durch eine kleinere Schleuse wieder nach Lemmer hinein. Hier legten wir direkt im urigen Stadtzentrum an und gönnten uns eine schöne Portion Kibbelinge, bevor wir unser Boot wieder bei Enjoy-Sailing festmachten.Lemmer

Abschließend sei gesagt, dass es ein rundum gelungenes Wochenende war. Wir haben viel gelernt und viel Interessantes erlebt. Das Skippertraining ist sehr empfehlenswert und auch wenn es etwas kalt und windig war, mit der richtigen Kleidung war alles kein Problem. Im Gegenteil waren es gerade die etwas widrigen Bedingungen, die uns bestätigten, dass das Gelernte auch wirklich funktioniert.

ohnr Worte

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